Text von Kaspar Schnetzler anlässlich einer Einzelausstellung im Atelier Alexander, Winterthur 2010
 

„dann und wann“

 

Das Bild ist eine, Worte sind eine andere Sache. Bildkunst steht so gut für sich allein wie Wortkunst; Worte sind fassbar, ohne dass sie in ein Bild umgesetzt werden müssten; Bilder sprechen für sich allein, man muss sie nicht in Worte fassen. Man kann es tun, dann und wann, anlässlich von Ausstellungen etwa. Es kann vorkommen, dass der Betrachter Worte benötigt, um dem Bild auf die Sprünge zu kommen, dass die Betrachterin Lesehilfe braucht, um zu verstehen, was das Bild sagt – vielleicht wie folgt:

            Das Wort, das Hummel über seine Ausstellung setzt, ist als Titel enigmatisch wie seine Bilder. In der Wirkung also vereinigt er für seinen Fall Wort und Bild zu einer Sache – treffen sie sich auch in der Bedeutung?

            „dann und wann“ ist leicht dahergesagt für den enorm grossen Spannungsbogen, der mit diesen Worten angelegt wird. Es ist ein Bogen über die Zeit hinweg. Nicht Anfangs- und Endpunkt des Bogens von „dann“ nach „wann“ sind von Bedeutung, sondern die Schwebe zwischendrin und die unendlich vielen Momente zwischen den beiden Polen, die als Positionierungspunkte zur Auswahl stehen. Aus einer einzelnen solchen Position heraus schafft Hummel sein Bild, es ist die Aufnahme eines einzigen Moments im ewigen Zeitverlauf. Es ist auch ein einzelner Moment in seinem eigenen Leben zwischen Geburt und Tod – das leicht dahergesagte „dann und wann“ bekommt, so gesehen, bedeutungsmässig grosses Gewicht. Hummel schafft nicht für die Ewigkeit, sondern für den Moment (welchen Ewigkeitswert seine Bilder bekommen, entscheidet die Kunstgeschichte). Er sucht den seit Goethe bekannten klassischen Augenblick, in dem sich alles Geschehene mit allem, was je geschehen wird, in der Gegenwart vereinigt und eine erfüllte momentane Erfahrung des Lebens ermöglicht. Hummels Bilder sind Produkte einer intuitiven Erfahrung des Augenblicks, sind Signatur eines Moments der unaufhaltbaren Zeit. Darum sind schwebende Leichtigkeit und Bewegung Grundelemente seiner Bilder so gut wie die spürbare Präsenz der Zeit.

            Woran sieht man das?

            Das Schweben des Moments in der Unendlichkeit der Zeit wird im grossen Raum sichtbar, den Hummel zwischen Signatur und Bildrand offen lässt. Wenn man so will – und man kann es so wollen – reicht der Bildraum über den Bildrand in den Raum des Betrachters hinaus und bezieht diesen in die Erfahrung des Moments mit ein. Die sichtbare Textur der  sandfarbenen Leinwand bei den grossformatigen Bildern veranschaulicht die Tatsache, dass der Moment, den Hummel im Bild festhält, in die Struktur der Zeit verwoben ist. Der Malgrund ist nicht eine kreideweisse, tote Fläche, auf die das Bild gesetzt wird, sondern belebender Teil desselben.

            Die Signatur des Moments. Flächen, Flecken und breite Streifen rund um die Bildmitte oder leicht darunter bilden die Basis. Teils sind sie transparent und verwischt, teils sind sie markant deckend. Der Eindruck des Schwebenden entsteht dadurch, dass die Flächen übereinander gelegt sind, und zwar so verschoben, dass die begrenzende Wirkung fixer Ränder aufgehoben wird. Die Überlagerung der Flächen öffnet eine minimale Tiefe des Bildraums; der Raum, der sich in der Horizontalen öffnet, scheint grössere Bedeutung zu haben. Das mag damit zusammenhängen, dass man sich den Verlauf der Zeit, um deren Darstellung es geht, linear horizontal vorstellt.

            Die Basis des Bildes ist ruhig. Über die flächige Basis führen zeichnerische Linien und Kurven, schmale Streifen. Sie sind durch dunkle Farbe bis Schwarz abgesetzt und von stark belebtem Duktus. Sie bewegen sich hauptsächlich über die Flächen hinweg, führen aber auch in deren räumliche Struktur hinein auf dieselbe, Tiefe bloss andeutende Art.

            Die Führung des Pinsels – ob breit, ob schmal – und der Stifte ist leicht, locker, spielerisch im Glasperlenstil. Verbindlichkeit entsteht im eigentlichen Wortsinn insofern, als sich alle Formen zu einer einheitlichen Figur verbinden, die im Bildraum schwebt. Man stellt sich Hummels Arbeit als einen asiatisch inspirierten Prozess der Versenkung über das Hier und Jetzt in das Unendliche vor und seine Bilder als Ausformung seiner jeweiligen Intuition.

            Abgehobenheit ist von Hummels Bildern ablesbar, möglich, dass Hummel den Sand, gesammelt an allen Stränden Europas, in seine Bilder einbringt, um sie zu erden. Es entspricht seiner subtilen Gestaltungsart, dass er die feinste Art natürlichen Materials verwendet (Staub kann es nicht sein, weil der tot ist) und gleichzeitig ein Material, das per se – wer zählt die Körner – auf das randlose Umfeld aufmerksam macht, in dem seine Bilder zu sehen sind.

 

Kaspar Schnetzler, Februar 2010