Text von Kaspar Schnetzler anlässlich einer Einzelausstellung in der Galerie Holm & Wirth, Zürich 2002
 

AUFZEICHNUNGEN

Den Begriff Aufzeichnungen pflegen die Schreibenden für sich zu reklamieren; Willi-Peter Hummel, ein listenreicher gedanklicher Umwegweiser, holt ihn in die bildende Kunst zurück, in das weite Feld, auf dem das Wort gewachsen scheint.

Auf Zeichnungen bildnerischer Art sind Mitteilungen notiert, die dem Betrachter Auskunft über die Befindlichkeit des Autors geben, über sein Verhältnis zu den Dingen des Lebens. Das ist so, seit die Menschen Bilder machen. Die Zeichnungen der Höhlenbewohner Südwesteuropas sind aller erste Zeichen von Menschenwesen, die sich auf bildnerische Art mit ihrem Dasein auseinandersetzen. Wie man sie auch im Einzelnen interpretieren mag, als Darstellung von menschlichen und tierischen Lebewesen und den Waffen, die sie auf Tod und Leben verbinden, sind sie Zeichen von existentieller Bedeutung. Willi-Peter Hummel ist Experte für Höhlenmalerei generell und, was den Stier betrifft, sehr speziell.

Der Stier, seit Urzeiten präsent in der bildlichen Darstellung, ist in unendlich vielen Abwandlungen, Formen und Gestalten der Haupt-, wenn nicht der alleinige Gegenstand von Hummels Aufzeichnungen. Der Stier ist das Urphänomen lebendigen Daseins, das Bild von Kampf und Kraft, Trieb und Stärke, Widerstand, auch Leiden und Tod. Mit dem Stier und im Bild des Stiers führt Hummel seine eigene intensive Auseinandersetzung mit dem Leben. Neu ist: Die markanten Zeichen - Horn, Nacken, Flanken, Schwanz -, die auch in reduzierter Form immer auszumachen waren, sind daran, sich in reine Form und selbständige Formationen aufzulösen. Das ist Ausdruck der Meisterschaft. Ich meine, mit der Distanzierung vom Stier, mit der sehr weit gehenden Entfernung des Stiers aus seinen Bildern hat Hummel Platz für sich selber gemacht, den Freiraum geschaffen, sich selber ins Bild einzubringen, er kann es riskieren, seine Zurückhaltung aufzugeben und sich selber in seiner Formgebung sichtbar zu machen. Welche gegenwärtige Befindlichkeit des Künstlers ist aus seinen Aufzeichnungen abzulesen?

Ich meine, es ist eine grosse, gelassene Ruhe, die bewirkt wird durch die Sicherheit, mit der die Zeichen ins Bild gesetzt sind, durch das stabile Gleichgewicht der Komposition und die Leichtigkeit, mit der die Formen umrissen werden.

Und sichtbar wird: wie Hummel es bewusst meidet, die Bilder bis an den Rand auszuformulieren, wie er das Bildinnere, das von ihm erzählt, durch einen zweiten Rahmen zu schützen versucht, als wollte er immer noch Sicherheitsdistanz zwischen sich und den Betrachter legen - vergeblich, würde ich meinen, denn dieser Binnenrahmen verstärkt bloss den neuen Eindruck erarbeiteter Gelassenheit.

Kaspar Schnetzler